Eine individuelle Analyse von Schutz- und Risikofaktoren (andere Bezeichnungen sind auch: Gefährdungsanalyse, Risikoanalyse, Potenzial- und Risikoanalyse…) ist Grundlage für ein organisationsspezifisches Schutzkonzept. Es geht darum, die bestehenden Schutz- und Risikofaktoren zu erkennen und dementsprechend sinnvolle Schutzmaßnahmen zu erarbeiten und einzuführen.
Wo sind die größten ‚Schwachpunkte‘ innerhalb der Organisation? Welche Gegebenheiten sind "günstig" für potentielle Täter(innen), weil sie die Ausübung von sexualisierter Gewalt einfach machen? Wo haben wir Klärungs- und Verbesserungsbedarf? Was tun wir bereits zum Schutz junger Menschen? Wo haben wir bereits gute Verfahren und Lösungen, die zur Sicherung der persönlichen Rechte von Kindern und Jugendlichen beitragen? An welche Strukturen, bestehende Gremien, Routinen lässt sich anknüpfen?
Dazu gehören der Blick auf Gegebenheiten in der Organisation (Aufbau, Zuständigkeiten, Kommunikation …), die Sichtweisen der Beteiligten auf den unterschiedlichen Ebenen (z.B. Verantwortliche auf der Leitungsebene, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter:innen, teilnehmende Kinder und Jugendliche…) aber auch Fachwissen (z.B. über typische Strategien von Täter:innen) und ggf. vorhandene Erfahrungen (z.B. Erkenntnisse aus der Aufarbeitung früherer Fälle):
Die Risikoanalyse sollte in mehreren Schritten unter Einbeziehung verschiedener Personen und Informationsquellen umgesetzt werden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es oft besser funktioniert, die Analyse in kleineren Schritten Stück für Stück durchzuführen. Manchmal ist ein dringender Verbesserungbedarf schon nach kurzer Zeit klar, so dass im Moment der Wunsch im Vordergrund steht, hierfür eine Lösung zu erarbeiten und die Analyse danach fortzusetzen.
Manche Risiken können durch Schutzprozesse behoben, andere zumindest verringert werden.
Wenn sich beispielsweise zeigt, dass Teilnehmer:innen nicht genau wissen, wer die Betreuer:innen sind und an wen sie sich mit ihren Fragen, Wünschen oder Kritik wenden können, könnten Namensschilder, gleichfarbige Tshirts oder andere Erkennungszeichen eigeführt werden, um Klarheit zu schaffen.
Wird deutlich, dass Betreuer:innen in manchen Situationen unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen (z.B. Was tun, wenn ein Kind ins Bett gemacht hat? Zeckenkontrolle ja oder nein? Ein Kind mit Heimweh zum Trost in den Arm nehmen?...), so sollte gemeinsam überlegt werden, welches Verhalten angemessen wäre .
Es gibt allerdings auch Risiken, die nicht veränderbar sind – jedenfalls nicht, ohne anderen Schaden anzurichten. So können z.B. Vier-Augen-Situationen sehr leicht für sexuelle Übergriffe ausgenutzt werden. Trotzdem wäre es nicht sinnvoll, Vier-Augen-Situationen generell zu verbieten. Denn Kinder oder Jugendliche, die sich mit ihrem Kummer oder persönlichen Problemen einem:einer Betreuer:in anvertrauen möchten, brauchen dafür einen geschützten Rahmen – zu zweit in einem Raum bei geschlossener Tür. Solche, aber auch andere pädagogisch motivierte vertrauliche Situationen müssen trotz Schutzkonzept möglich bleiben. Aber die Tatsache, dass die Schwierigkeit nach der Analyse bekannt ist, kann dazu beitragen, dass dieser zukünftig mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Die Ergebnisse der Analyse sollten schriftlich festgehalten werden, denn sie bieten die Grundlage für das Schutzkonzept. Die verschiedenen Informationen werden zusammengetragen und reflektiert. Ziel ist es, gemeinsam zu überlegen und zu entscheiden, wo Verbesserungs- oder Klärungsbedarf besteht und in welcher Reihenfolge die Schutzmaßnahmen erarbeitet werden.
Beispiele für Schutzfaktoren:
Risikofaktoren sind Gegebenheiten in einer Organisation, die Täter:innen die Ausübung von sexualisierter Gewalt erleichtern können oder die dazu führen, dass Betroffene nicht bemerkt werden/keine Unterstützung finden.
Beispiele für Risikofaktoren:
Für die Analyse von Schutz- und Risikofaktoren gibt es mittlerweile vielfältige Veröffentlichungen und Materialien vor allem für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Nicht immer sind sie direkt auf das Arbeitsfeld Jugendarbeit übertragbar, bieten aber trotzdem gute Anregungen.
Diese richten sich in erster Linie an Leitungspersonen und hauptberufliche und/oder ehrenamtliche Mitarbeiter:innen
Stephanie Korell: Risiko- und Potenzialanalysen: Hinweise und Methoden zur ganzheitlichen Zusammenstellung für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die Publikation enthält verständliche Erklärungen sowie Vorschläge für Fragebögen zur Erhebung der Organisationsstruktur und Erfassung der Einrichtungskultur, die für den Bereich Jugendarbeit angepasst werden können.
IPSE – Instrument zur partizipativen Selbstevaluation: IPSE ist eine kompakte, wissenschaftlich fundierte und partizipativ angelegte Methodensammlung zur Selbsteinschätzung der Präventionsbemühungen Schutzkonzeptentwicklung pädagogischer Einrichtungen/Organisationen. Es richtet sich eigentlich an (teil-)stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe, insbesondere die Checkliste zu Bausteinen des Schutzkonzepts ist aber auch in der Jugendarbeit verwendbar
Tool zur Risikoabalyse der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V. (BKJ): auf der Webseite der Bundesvereinigung steht ein kostenfreies Selbstevaluationstool für eine Risiko- und Potentialanalyse zur Verfügung. Darin sind Fragebögen für unterschiedliche Zielgruppen angelegt, die individuell angepasst werden können. nach einer Registrierung kann das Tool genutzt werden.
„Risikoanalyse“ Erzbistum Berlin, in: Arbeitshilfe: Institutionelles Schutzkonzept zur Prävention von sexualisierter Gewalt in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Broschüre des Erzbistums Berlin, Seite 16–24.
BJR-Fragenkatalog für Leitungspersonen und Mitarbeiter:innen zur Analyse von Risiko- und Schutzfaktoren in Organisationen der Jugendarbeit. Allgemeine Fragen – Fragen zur Organisation – Fragen zum Präventionskonzept – Fragen zu besonderen Gefährdungssituationen.
Welche Prävention braucht eine Organisation der Jugendarbeit? Handreichung zur Durchführung einer Gefährdungsanalyse in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit zur Entwicklung eines Präventionskonzeptes. Reflexionsfragen zu verschiedenen Teilbereichen der Analyse.
Praxishandbuch FIPP e.V. - Methoden zur Potentialanalyse und Gefährdungsanalyse. Die Publikation enthält u.a. eine umfangreiche Sammlung von Reflexionsfragen zu Potentialen in der Organisation (Was gelingt gut?) und verschiedene methodische Anregungen zum Erkennen potentieller Gefährdungen. Die meisten Methoden können auch in der Arbeit mit unterschiedlichen Alters- bzw. Zielgruppen oder in einer anderen Phase der Schutzkonzeptentwicklung eingesetzt werden.
Online-Fragebogen für ehemalige Ehrenamtliche Mitarbeiter:innen des BDKJ Mainz
Online-Tool zur Selbstbewertung des Institutionellen Kinderschutz-Systems, entwickelt von ECPAT Deutschland e.V.. Das Tool bietet Hilfestellung für eine Einschätzung zum aktuellen Umsetzungsstand im Bereich des institutionellen Kinderschutzes. Es berücksichtigt die Bedürfnisse und Strukturen von einer breiten Varianz an Organisationen und Institutionen in Bereichen wie Schule, Sport, Kirche, Freizeit etc.
Mittlerweile gibt es viele Ideen, wie diese Perspektiven partizipativ und altersentsprechend, teils auch spielerisch erfasst und einbezogen werden können.
Wimmelbilder: Geeignet zur Reflexion von „Alltagssituationen“ z.B. auf Freizeiten, im Zeltlager, im Jugendzentrum etc. Auch für die Analyse mit Jugendleiter:innen geeignet.
Zeltlagerbild Tag/Nacht der kja Freiburg
Wimmelbild der Sportjugend Hessen
Illustrationen: Alle Kinder und Jugendlichen haben Rechte: Zur Reflexion, Erkennen von Gefährdungssituationen
Text „Institutionelle Risikoanalyse unter Berücksichtigung von Partizipation“ Zartbitter e.V. – Sichere Orte schaffen
„Mit der Kamera unterwegs“: Kinder stellen ihre Lieblingsorte und Örtlichkeiten in der Einrichtung dar, die sie meiden, und entwickeln Verbesserungsideen. In: Arbeitshilfe: Institutionelles Schutzkonzept, S. 26
Hinweis: Befragungen von jungen Menschen weisen darauf hin, dass sexualisierte Peergewalt zumeist in „Durchgangsräumen“ verübt wird, z.B. auf dem Flur, in Toiletten/Waschräumen, vor oder hinter dem Gebäude. Daher ist es sinnvoll, diesen Orten besondere Beachtung zu schenken.
Stephanie Korell: Methoden zur Erhebung der Sicht von Kindern und Jugendlichen auf die Einrichtung. In Risiko- und Potenzialanalysen, Anhang.
Fragebögen „Du bist gefragt!“ (DJI): Vorbereitete Fragebögen an Jugendliche, ob und wie Präventionsmaßnahmen von ihnen wahrgenommen und genutzt werden. Verschiedene Fragebögen stehen zum Download zur Verfügung – u.a. für Sportvereine und Jugendverbände
Welche Gegebenheiten in der Organisation könnten von Täter:innen für ihre Zwecke ausgenutzt werden? Wo hätten Täter:innen es bei uns „leicht“? Wissen über typische Strategien von Täter:innen ist unabdingbar, denn es schärft die Wahrnehmung und sensibilisiert für Umstände, deren Risiko ohne Fachwissen regelmäßig übersehen würde.
BJR Expert:innen- Pool: Die Prätect-Expert:innen sind Mitarbeiter:innen aus Fach- und Beratungsstellen in Bayern und verfügen über umfangreiches Wissen und praktische Erfahrung zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Für Schulungen und Vorträge, Seminare und Fortbildungen können sie als Referent:innen angefragt werden.
Zartbitter-Präsentation „Täterstrategien und institutionelle Strukturen“
Videos zum Thema Täterstrategien:
Fachberatung Zartbitter „Blick hinter die Maske“: In dem Video werden die Strategien eines Fußballtrainers vorgestellt, der seine Stellung ausgenutzt hat, um Jungen zu missbrauchen.
Fachberatung Zartbitter „Warum es so schwer fällt, sexuellen Missbrauch wahrzunehmen“
Die Möwe: „Täterstrategien“
Aufarbeitung stellt die Organisation vor große Herausforderungen, wirft wichtige Fragen auf und kann gleichzeitig neue Lernprozesse anstoßen, die die Gemeinschaft stärken. Fragen für die Aufarbeitung sind z.B.:
Enders, Ursula: Traumatisierte Institutionen. Wenn eine Einrichtung zum Tatort sexueller Ausbeutung durch einen Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin wurde.